Freitag, 25 Oktober 2013 15:12

Weltmeister Tobi Müller im Interview

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Auch in der neuen Saison wollen wir unsere Interview-Serie, die wir im vergangenen Jahr begonnen haben, fortsetzen. Zum Start können wir euch gleich einen Top-Gesprächspartner anbieten. Denn wir haben uns mit keinem geringeren als Dreifach-Weltmeister-Tobi Müller unterhalten, der uns erzählt hat, was ihm diese Goldmedaillen bedeuten, wie wichtig ihm Telemark ist, wie viel Zeit er für seinen Sport investiert und welche Tipps er für Anfänger parat hat.

So wie er ist noch niemals jemand zuvor in der internationalen Telemarkszene durchgestartet. Im Frühjahr 2010 begann er in den Telemarkrennsport hineinzuschnuppern, im Herbst des gleichen Jahres stieß er zur deutschen Nationalmannschaft und bestritt im Januar 2011 in Bad Hindelang/Oberjoch sein erstes Weltcuprennen. Tja, und in 2013? Da räumte Tobias Müller dann gnadenlos ab, wurde im März im spanischen Espot (Pyrenäen) dreifacher Weltmeister, gewann alle drei Einzeltitel. 

Tobi, erst einmal noch mal Glückwunsch zu den drei WM-Titeln. Aber erzähl mal von den Anfängen, wie bist du überhaupt zum Telemarkfahren gekommen?
Tobi: Das kam über Bendikt Holzmann, der jetzt mein Teamkollege in der Nationalmannschaft ist. Wir sind früher im Winter oft zusammen Skifahren und im Sommer Biken gewesen. Da hat er dann irgendwann gesagt, dass ich Telemark mal ausprobieren soll. Im Frühjahr 2010 habe ich das dann bei Fritz Trojer, dem Coach des Teams Telemark Germany, gemacht. Er hat mich dann gleich für die Mannschaft rekrutiert. Ab Herbst gehörte ich dann fest zum Team.

Und wie wird man dann so schnell Weltmeister beziehungsweise dreifacher Weltmeister? Gibt es da ein Geheimnis?
Tobi: Indem man am richtigen Tag schneller ist als alle anderen. Es muss dafür einiges zusammenkommen. Man muss einen guten Tag, einen guten Ski, das Quäntchen Glück haben und mental stark sein. Und wenn man dann erst mal einen Titel in der Tasche hat, dann ist es einem im nächsten Rennen egal, dann kommt man ja als Weltmeister, dann fährt man absolut befreit auf.

Aber das alleine reicht ja auch nicht. Was muss man mitbringen, um ein so guter Telemarker zu werden, wie du es bist?
Tobi: Man muss ein richtig guter Skiallrounder sein. Man muss gut im Langlauf sein, gut zwischen den Stangen fahren und ein guter Springer sein. Und man sollte noch ganz viel Skigefühl mitbringen.

Wie viel Zeit investierst du in diese Telemarkgeschichte? Und wie ist der Hochleistungssport überhaupt mit deiner Ausbildung zu vereinbaren?
Tobi: Im Sommer mache ich extrem viel, was mir Spaß macht, aber alles irgendwie aufs Telemarkfahren ausgerichtet. Da bin ich so fünfmal die Woche unterwegs. Im Winter ist es dann schon heftig viel. Im Herbst geht es auf die Gletscher, dazu dann noch viermal Training. Im Winter kommen dann die Wettkämpfe überall in Europa und auch in den USA dazu. In meinem Job mache ich recht viele Überstunden, die ich dann wieder abbaue. Das passt schon.

Was und wie muss man trainieren, um ein guter Telemarker zu werden?
Tobi: Da unser Sport sehr vielseitig ist, muss man auch vielseitig arbeiten. Wir trainieren in einigen Bereichen wie die Langläufer, joggen, sind auf Rollerski unterwegs und machen viel in Sachen Kraft. Dann sind auch der koordinative Bereich und – ganz wichtig – das Gleichgewicht von großer Bedeutung, vor allem für den Sprung. Daher gehen wir ins Oberstdorf zum Beispiel auf die 60-m-Schanze und springen da runter. Auf die große 90-m-Schanze dürfen wir leider nicht, weil wir da mit unseren Stahlkanten die Keramik-Anlaufspur kaputt machen würden. Wenn wir dürften, würden wir das aber sofort machen. Wir versuchen, so nah wie möglich an der Wettkampfbewegung zu sein.

Und was guckt ihr euch von den Alpinfahrern ab?
Tobi: Ich schaue mir zum Beispiel die Bewegungen von Ted Ligety an, wie er beim Riesenslalomfahren den Tiefenwechsel macht, wie er den Oberkörper stabil hält und wie er den Druck durch eine Körperstreckung aufbaut.

Ihr müsst mit dem Stangenfahren, Langlaufen und Springen gleich drei Disziplinen richtig gut beherrschen. Ist das für dich die große Herausforderung?
Tobi: Auf jeden Fall. Telemark ist extrem vielseitig. Wenn man gewinnen will, muss man der beste Skisportler und nicht der beste Skifahrer sein.

Woher kommt es, dass du so gut Langlaufen, Skifahren und Springen kannst?
Tobi: Als Kind und Jugendlicher gehörte ich als Langläufer zum Kader des Bayrischen Skiverbandes und als Alpinfahrer zum Allgäuer Skiverband. Als ich 15 Jahre alt war, habe ich damit aufgehört und war mehr mit Freunden in Funparks unterwegs, wo wir viel gesprungen sind.

Welchen Stellenwert hat Telemark für dich? Könntest du da von heute auf morgen wieder drauf verzichten?
Tobi: Das ist mehr als ein Hobby. Diese Telemark-Rennsport-Szene ist wie eine große Familie, mit der man den Winter verbringt. Man lernt, weil man überall in der Welt unterwegs ist, viele Leute aus unterschiedlichen Ländern kennen. Das ist der Wahnsinn. Und die ganze Sache bringt einen auch fürs Leben weiter. Man lernt, mit Druck umzugehen. Oder zielstrebig auf etwas hinzuarbeiten. Für mich ist es die schönste Nebensache der Welt.

Eine Nebensache, die dir mal eben drei WM-Titel gebracht hat. Was bedeuten dir diese Goldmedaillen?
Tobi: Sie sind schon etwas Besonderes. Ich wohne noch zuhause. Daher liegen die Medaillen jetzt in einer Vitrine im Wohnzimmer meines Elternhauses. Als Mensch haben mich diese Siege aber nicht verändert.

Wenn du im Alpinbereich dreifacher Weltmeister geworden wärest, hätte es einen riesengroßen Medienrummel um dich gegeben, du hättest fett Geld verdient und wärest berühmt. Ärgerst du dich da, dass du "nur" Telemarker bist und deine Erfolge nur von einer kleinen Szene wahrgenommen werden?
Tobi: Wir wissen, dass es bei uns nicht so extrem ist und vermissen es daher auch nicht. Aber das ganze Drumherum, so toll es sich vielleicht anhören mag, ist für die Alpinen auch nicht immer nur Spaß. Das kann einen schon enorm belasten, wenn man zum Beispiel zwischen zwei Renntagen von einem Interview zum nächsten hetzen muss. Bei uns ist es da schon ruhiger. Da kann man sich besser auf das konzentrieren, auf das es am Ende ankommt: auf den Sport.

Wenn ein Telemarker gegen einen Alpinen ein Rennen fahren würde, wer ist dann schneller und warum?
Tobi: Jonas Schmid aus unserem Team ist mal gegen Fritz Dopfer von den Alpinen Riesenslalom gefahren. Jonas war da vier Sekunden langsamer als der Dopfer Fritz. Das liegt daran, dass die Alpinen mit der festen Ferse ein stabileres System haben, dass sie eine tiefere Hocke fahren als wir Telemarker mit der freien Ferse und dass sie den Schwung mehr mit nach vorne nehmen könne.

Hast du jetzt überhaupt noch Ziele? Du hast doch durch die drei Tiel mit deinen 20 Jahren das erreicht, wo andere ein ganzen Leben lang von träumen.
Tobi: Der Gesamtweltcup fehlt mir noch. Den Classic-Weltcup habe ich schon mal gewonnen, um im Gesamtklassement bin ich einmal Zweiter und einmal Dritter geworden. Da es in der nächsten Saison keine Weltmeisterschaften gibt, ist der Gesamt-Weltcup mein großes Ziel, auf das ich hinarbeite. Um den zu gewinnen, muss die ganze Saison über alles stimmen. Da darf man sich keine Schwächephase erlauben, so wie ich es im vergangenen Jahr zu Beginn der Saison hatte.

Es gibt im Telemark-Rennsport drei Disziplinen: Classic, Sprint und Parallel. Was magst du am liebsten?
Tobi: Ganz klar die Parallel-Rennen. Wenn mann da Mann gegen Mann kämpft, ist das ein völlig anderes Gefühl. Das ist Wahnsinn, wenn man nebeneinander in den Kreisel fährt und beim Skaten den Atem des anderen neben oder direkt hinter sich hört. Das liebe ich.

Du liebst auch das Fahren mit dem NTN-System. Was hat diese Entwicklung im Bindungsbereich für das Telemarken gebracht?
Tobi: Man kann die Gleichbelastung der Ski viel besser gewährleisten, man hat mehr Druck auf dem Innenski. Dann gibt die Bindung mehr Seitenstabilität, so dass man mit höheren Kantwinkeln fahren kann.

Was fehlt dem Telemarksport, um mehr im Fokus der Öffentlichkeit zu stehen?
Tobi: Dass unser Sport olympisch ist. Das brauchen wir. Dabei wäre das eigentlich gar kein großer Mehraufwand. Wir könnten zum Beispiel die Riesenslalom-Strecke der Damen benutzen. Da müssten dann nur ein Sprung hingeschoben und unten eine Langlaufstrecke drangehängt werden, dann würde das passen. Mehr brauchen wir doch nicht. Und von den Leistungen her ist das auch passend. In den vergangenen vier Jahren hat sich der Telemark-Rennsport enorm entwickelt. Früher lag der Sieger auch mal mit drei, vier Sekunden in Front. Jetzt geht es da um Zehntel- oder Hundertstelsekunden. Es gibt derzeit rund zehn Fahrer, die das Potenzial haben, um ein Rennen zu gewinnen. Es ist schon hochklassiger Sport, den wir bieten. Und gerade die Parallel-Rennen sind sehr spektakulär und für die Zuschauer sehr spannend. Ich denke, das wird die Zukunft sein. Es geht in die richtige Richtung, aber wir sind noch nicht da angekommen, wo wir hinwollen.

Siehst du dich als dreifacher Weltmeister nun in einer Art Vorreiterrolle, um den Telemarksport weiter nach vorne zu bringen?
Tobi: Es geht da nicht um mich, sondern um den Sport. Oder um unsere Mannschaft. Wir sind da einfach als ganzes Team gefordert. Nach meinen WM-Siegen gab es sogar kurze Berichte in der ZDF-Sportreportage und im Morgenmagazin. Das muss öfter passieren, damit wir Telemark näher an die Menschen und in die Öffentlichkeit bringen. Wenn unsere Rennen öfter im Fernsehen gezeigt werden und die Einschaltquoten stimmen würden, dann würde es laufen. In Norwegen klappt das.

Hast du zum Schluss noch weltmeisterliche Tipps parat, wenn jemand mit dem Telemarkfahren starten will?
Tobi: Auf jeden Fall soll man sich trauen, sich auf die Sache einzulassen. Und man soll viel Spaß dabei haben. Dann läuft es eigentlich von alleine. Wenn man ein guter Skifahrer ist, dann schaut es doch spätestens am zweiten Tag schon nach Telemark aus. Ich kann es jedenfalls nur jedem empfehlen: Genießt die Freiheit auf Ski, die man als Telemarker mehr hat als ein Alpiner.


Infos zur Person
Name: Tobias Müller
Wohnort: Obermaiselstein im Allgäu
Verein: SC Fischen
Job: Ausbildung zum Veranstaltungskaufmann
Geboren am: 2. Oktober 1992
Persönliche Sponsoren: Völkl, Crispi, Allgäuer Latschenkiefer
Erfolge: Dreifacher Weltmeister in den Disziplinen Classic, Sprint und Parallel-Rennen 2013, siebenfacher Juniorenweltmeister 2012 und 2013, Weltcup-Sieger Classic 2013, Zweiter und Dritter im Gesamt-Weltcup 2012 und 2013

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