Mittwoch, 10 November 2010 15:49

Sondre Norheim - Vater des modernen Skilaufs

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ImageEs heißt, er war der Erste. Vor ihm soll noch kein anderer Mensch aus purer Lust und reinem Vergnügen mit Skiern seine Spuren in den Schnee gezogen haben. Sicher gab es zuvor schon andere, die sich Bretter untergeschnallt haben und von einem Ort zu anderem gelaufen sind. Doch Sondre Auversen Norheim war es, der nur so zum Spaß die Berge hinuntergeflitzte und der damit als der erste Telemark- und auch Skifahrer der Welt gilt.


ImageAm 10. Juni 1825 wurde er in einer kleinen, äußerst spartanischen Holzhütte in Overbö, einer  Lichtung oberhalb von Morgedal in der norwegischen Region Telemark, geboren. Von dort oben hatte er einen herrlichen Blick über das Tal und über den See. Und er hatte im Winter einen wunderschönen Hang vor sich, der einfach dazu einlud, ihn mit Skiern abzufahren. Schon als Kind widerstand Norheim dieser Versuchung nur äußerst selten - sehr zum Ärger seiner Eltern. So oft es ging, schnappte er sich seine Holzbretter, die sein Vater für ihn hergestellt hatte, und schoss im schnellstmöglichen Tempo Richtung Tal. Kurz gesagt: Sondre liebte die Winter. Und noch mehr das Skifahren.

Sondres Geburtshaus
Sondres Geburtshaus
500 Menschen wohnten Mitte des 19. Jahrhunderts in dem 580 m über Meereshöhe gelegenen Dorf, in dem Reichtum ein Fremdwort war. Auch Sondre Norheims Eltern, Ingrid und der Handwerker Auver, hatten nicht viel Geld zur Verfügung, um sich und die beiden Söhne Sondre sowie den zwei Jahre älteren Eivind mit luxuriösen Dingen zu verwöhnen. Daher sollten die Kinder schon früh mithelfen, den Lebensunterhalt zu verdienen. Doch anders als sein strebsamer Bruder Eivind hatte Sondre dazu nicht allzu viel Lust.

ImageAuch an der Lernerei fand er nicht allzu viel Gefallen. Man erzählt sich, dass er sogar sein Lesebuch ins Feuer geworfen haben soll. "Ich hätte lieber zehn Eivinds als einen Sondre", sagte seine Stiefmutter Anne, die Vater Auver in zweiter Ehe geheiratet hatte, nachdem seine erste Frau Ingrid schon zwei Jahre nach der Geburt von Sondre gestorben war. Denn Sondre war weder sesshaft noch fleißig. Er ließ viele Sachen helbfertig liegen, so dass er diesbezüglich keinen guten Ruf hatte. Auf seinen Ski aber war er ein wahrer Meister.

Der Blick ins Tal
Der Blick ins Tal
Sondre wollte fast pausenlos auf dem Schnee tanzen - wenn seine Ski ihn riefen, war er zur Stelle. Er war zwar klein und dünn für sein Alter, aber äußerst muskulös unter seiner Kleidung. Ohne Angst und mit viel Mut fuhr er rund um Överbo die steilsten Hügel hinab, sprang über Dächer und von Häusern herunter - und sorgte bei den Bewohnern von Morgedal für großes Staunen. Es war dabei keineswegs so, dass Skifahren keine große Rolle in dem kleinen Dörfchen spielte. Eher war das Gegenteil der Fall. Skifahren war populär bei den äußerst lebensfrohen Einwohnern. So war sonntags, an dem einzigen arbeitsfreien Tag in der  Woche, das ganz Dorf mit Ski unterwegs, rutschte die Berge hinab, probierte und diskutierte über Material und Techniken. Doch so elegant und gekonnt wie Sondre Norheim beherrschte kein andere seine Ski.

ImageSelbst als er am 15. Januar 1854 die ein Jahr ältere Rannei heiratete, wurde er nicht ruhiger, sondern war immer noch völlig verrückt nach seinen Skiern. Mit seiner Ehefrau zog der damals 29-Jährige, der auch den Beruf eines Handwerkers gelernt hatte, herunter nach Morgedal, später dann an eine Stelle, die er Norheim nannte. Damit erklärt sich auch sein Name. Sondre war sein Geburtsname, Auverson setzt sich zusammen aus son (Sohn) von Auver und eben Norheim, dem Ort, wo er mit seiner Familie fast 20 Jahre lebte. Sechs Kinder bekam das Paar, doch trotz dieser Großfamilie war seine Skisucht ungebrochen. Im Schnee lebte er auf, fand dort Freude und Bestätigung. "Es schien so, als würde Sondre nie erwachsen werden, sondern immer ein Kind bleiben", erinnerte sich Mikkel Hemmesveit, ein anderer norwegischer Skipionier später. 

Die neue Bindung von Sondre
Die neue Bindung von Sondre
Sondre Norheim war aber nicht nur ein begnadeter Skiartist, sondern auch ein großer Tüftler. Er hatte gemerkt, wenn er zwischen den Bäumen herfährt und über Felsen springt, dass ihm die damals übliche Weidenbindung, die Halt im Zehenbereich gab, nicht stabil genug war, und dass die gebräuchlichen Bretter zu lang und sperrig waren. Daher entwickelte er zuerst einen Ski, der zum einen mit 2,40 m kürzer war als die sonst üblichen Drei-Meter-Latten, zum anderen vorne und hinten breiter war als in der Mitte (damit hatte er den ersten Carvingski der Welt mit den Maßen 84-69-76 mm gebaut). Und dann erfand er noch eine Bindung, die nicht nur den Zehenbereich, sondern auch die Ferse umschloss.

ImageZudem erfand er eine neue Technik. Um eine Kurve zu fahren, riss er die Ski nicht einfach herum wie all die anderen. Sondern er hatte herausgefunden, dass er viel stabiler auf den Holzbrettern steht, wenn er seine Standfläche vorgrößert und eine Schrittstellung einnimmt sowie seinen Körperschwerpunkt nach unten verschiebt. Diese Technik wurde in späteren Jahren dann Telemark-Schwung genannt. Mit all diesen Neuerungen sowie seinem begnadeten Können wurde er im Handumdrehen zum Helden von Morgedal.

ImageUnd welch exzellenter Skifahrer er war, sprach sich dann auch schnell herum. 1866 nahm er an einem von Andreas Bakke, einem Arzt aus Lardal, am ersten Sprungwettbewerb teil, bei dem es ein Preisgeld gab. In Ofte, Hoydalsmo, rund 15 km von Morgedal entfernt, belegte er mit einem 30-m-Satz den ersten Platz und gewann zudem noch einen Extrapreis in Form einer Uhr für seine spaktakuläre Show, die er ablieferte. 1868 erhielt er dann eine Einladung, um an einem Rennen in Christiania, dem heutigen Oslo, teilzunehmen. Mit seinen beiden Freunden Olav Anundsen und Olav Torjussen machte sich Norheim über Seljora und Dammen auf den 200 km langen Weg nach Osten.

Die Lichtung von Overbö
Die Lichtung von Overbö
Drei Tage lang waren sie auf ihren Brettern Ski unterwegs, ehe er beim ersten nationalen Skiwettbewerb am Iverslökken sein Können zeigen durfte. Obwohl er damals schon 42 Jahre alt war, behrrschte er das 50 Mann starke Teilnehmerfeld und gewann den Wettkampf, eine Kombination aus Springen und Freeride, vor einem 20 Jahre jüngeren Konkurrenten und begeisterte die Hauptstadtbewohner. Fritz Huitfeldt, der später auch noch Skigeschichte schreiben sollte, war damals als 17-Jähriger live vor Ort und zeigte sich sichtlich beeindruckt. "Sondre schlug ein wie ein Meteorit. Wir waren alle völlig fasziniert, Sondre hat ein riesiges Spektakel abgeliefert." Mit dieser Show hatte Sondre dafür gesorgt, dass der Skisport seinen Durchbruch erlebte - raus aus dem kleinen Dorf, hinein nach Christiania zur großen Öffentlichkeit.

ImageWieder zurück in Morgedal, musste Sondre Norheim langsam, aber sicher einsehen, dass die Zeiten immer schwerer wurden und das Leben in Morgedal immer karger wurde. Zwar hatte er neben seinem Handwerksberuf immer wieder Extraeinnahmen durch die Skikurse, die er gab. Dennoch wanderte er am 30. Mai 1884 in die USA aus, wo er in Minnesota ein neues Zuhause fand. Dort gab es zwar Arbeit für ihn, aber keine Berge.

Die Sondre-Statue
Die Sondre-Statue
Doch ohne Skifahren, das war für ihn auch in seiner neuen Heimat undenkbar. So benutzte er im Winter seine Stöcke, um sich auf seinen heißgeliebten Ski fortzubewegen und wurde zum Skilangläufer. Und vor seiner Haustür standen jeden Tag seine Ski, so wie er es aus Morgedal gewohnt war. Am 5. Mai 1888 erhielt Norheim die amerikanische Staatsbürgerschaft, am 9. März 1892 starb er.

Das flache Land in Minnesota
Das flache Land in Minnesota
Lange Zeit gab es Diskussionen darüber, ob er nun Norheim oder Nordheim heißt. In der Kirche, wo er und Rannei heirateten, ist in den Hochzeitsunterlagen Norheim zu lesen. Als er aber 1888 sein Einwanderprotokoll unterzeichnete, schrieb er selbst Nordheim. Doch egal, wie er nun richtig heißt. Wer weiß, ob es ohne Sondre Nor(d)heim das Skifahren, wie wir es heute kennen, überhaupt gegeben hätte.

ImageWer einmal nach Mogedal kommen sollte, kann sich zu einem im Museum direkt am Ufer des Sees über die Skigeschichte und Sondre Norheim informieren. Und zum anderen ist ein kleiner Fußmarch hoch nach Overbö absolut empfehlenswert, wo immer noch das Geburtsthaus von Sondre Norheim steht.

Weitere Infos: www.morgedal.com , www.sondrenorheim.com

-pad-

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